Archiv für Juni 2008

Deutsch mich nicht voll

Taucht Deutschland zur Männer-Fußball-Europameisterschaft wieder unbekümmert in Schwarz-Rot-Gold ein, wird jede Kritik an der Voranstellung der Nation als Identifikationsfigur gnadenlos abgeschmettert und die Abgrenzung zum „übersteigerten Nationalismus“ leichtfertig mit einem „positiven Verhältnis zur Nation“ und einem „gesunden Patriotismus“ begründet. Ein unverkrampftes Verhältnis zu Deutschland heißt dann: Eine Deutschlandflagge gratis beim Kauf von zwei Tüten Chips. Der Normalisierungsprozess in Bezug auf das Verhältnis des Einzelnen zur Nation sei in vollem Umfang abgeschlossen, da man sich doch nun genug mit der Geschichte auseinandergesetzt habe und der Aufarbeitungsweltmeister Deutschland sich die gesellschaftliche Befugnis zu patriotischen Regungen hart erarbeitet habe. Fast schon höhnisch klingt die Sehnsucht von Rheinhard Mohr nach einem „Stimmungskick durch die EM“ um nun auch endlich das Dauerelend der sozialen Ungerechtigkeit zu überwinden. National
stolz als Super-Pille – Nebenwirkungen ausgeschlossen?
Vergessen sind Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen – wiedervereinte deutsche Bürger guckten zu bei fremdem Elend und nachher hat niemand was gesehen. Fast blind vor Deutschtümelei werden der Einzug der NPD in die ostdeutschen Landtage und der Anstieg von rechtsextremen Gewalttaten als Randphänomen abgeschoben und die eigentlichen Ursachen verschleiert. Als adäquate Antwort folgt ein Fischen nach Wählerstimmen am rechten Rand – nach der Bewältigung der Vergangenheit folgt das Ignorieren der Gegenwart.

Übergangen wird die Tatsache, dass „Nation“ einem Abgrenzungsprozess entspringt, dessen Ursprünge in Begriffen wie Abstammung und Kultur wurzeln. Das Hochhalten der Deutschlandflagge symbolisiert nicht die Identifikation mit einer demokratischen, verfassungsrechtlich geschützten Grundordnung, sondern die identifikatorische Bindung einer Masse und somit die Bildung einer nationalen Identität, der man nicht entkommen kann, ohne sich auszugrenzen. Es entsteht ein Zwangszusammenhang, der sich gegen das Individuum richtet und ein Kollektivsubjekt erzeugt, dem man sich unterzuordnen hat. Normalisierung des Verhältnisses zur deutschen Nation bedeutet die Einforderung der Identifikation des Einzelnen mit der Masse. Die Konsequenz ist keine pluralistische Demokratie, sondern der kleinlaute Untergang des Individuums in einem „Volkskörper“ in dem stummes Kopfnicken für die Mehrheit zu einer notwendigen Überlebenspraxis heranreift. Die Kritik an deutschen Zuständen und damit an
einer schwarz-rot-notgeilen Sport-Popkultur steht also nicht zwingend im Zusammenhang mit der Ablehnung der Verfassung der BRD – jedoch wird die Plakette, unter anderem durch den § 90a StGB, schnell verteilt, um weiterhin im Strom der Unberührbarkeit hinwegzutreiben.

„Deutsch mich nicht voll!“ heißt in diesem Sinne: Kein entspanntes Verhältnis zur deutschen Nation – weder im Alltag noch zu irgendeiner Fußballmeisterschaft. Wenn also mit dem Restart eines „Sommermärchens“ die Mehrheit in Gefühlsduselei verfällt, wird ein Protest umso notwendiger. Wir laden deshalb jedeN dazu ein, das Internet, in all seinen Formen, als Plattform zu nutzen, um mit künstlerischen Darbietungen ihre / seine Ablehnung zum Ausdruck zu bringen. Ziel ist es dabei, eine interaktive Ausstellung heranwachsen zu lassen, die auf unterschiedlichste Art veranschaulicht, warum jedweder Auswuchs von deutschem Nationalismus keine Strategie sein kann. Fußballfan-Lieder wie „Eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir von Mönchengladbach bis nach Auschwitz…“ sind nur Früchte einer unterschätzten Gefahr. Konsequent gegen Antisemitismus, Rassismus, Geschichtsrevisionismus und Sexismus – Nazis den Nährboden entziehen!

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www.myspace.com/aktiondeutschmichnichtvoll

Saubermann-Fraktion in der NPD setzt sich durch

Thüringen: Parteitag bestätigt bisherigen Vorstand
Von Anke Engelmann, Erfurt

Bei der Thüringer NPD erhielten am vergangenen Wochenende die militanten Kräfte um Thorsten Heise einen erheblichen Schlag. Der Parteitag bestätigte den bisherigen stellvertretenden Landesvorsitzenden Patrick Wieschke.

Wenig überraschend bestätigte der Parteitag der NPD Thüringen am Wochenende den bisherigen stellvertretenden Landesvorsitzenden Patrick Wieschke im Amt. Gegenkandidat war der den Freien Kameradschaften nahe stehende Thorsten Heise. Im Vorfeld war es zwischen beiden Fraktionen zu einer regelrechten Schlammschlacht gekommen. So kursierten kompromittierende Fotos von Wieschke.

Die Auseinandersetzungen sind Ausdruck des Dilemmas, in dem die NPD steckt: Mit Blick auf anstehende Wahlen präsentiert sie sich bürgernah und demokratisch, gleichzeitig hat sie sich für militante Neonazis geöffnet. Mit Wieschkes Wahlsieg hat sich in Thüringen nun die Saubermann-Fraktion durchgesetzt. Doch weder Wieschke noch der Landesvorsitzende Frank Schwerdt sind in punkto Gewalt unbeschriebene Blätter: Beide sind einschlägig vorbestraft. Abzuwarten bleibt, ob sich nun die radikaleren Heise-Anhänger aus der Parteiarbeit zurückziehen. Im Unterschied zum Parteitag im April, der von der Polizei vorzeitig beendet worden war, und bei dem 99 stimmberechtigte Delegierte anwesend waren, waren es nach NPD-Angaben am Wochenende nur 73.

Derzeit bemühen sich Schwerdt und Wieschke, die Partei nach innen zu befrieden. Unterstützung erhalten sie auch von einigen Freien Kameradschaften, zum Beispiel aus Altenburg oder von den Freien Kräften Südthüringen. In einer Erklärung bezeichnen die vorangegangene Schlammschlacht als von der Antifa und dem Staatsschutz angeheizt. Beim Thüringentag der Nationalen Jugend vor zwei Wochen zeigte man demonstrativ Geschlossenheit. Neben Wieschke und Schwerdt standen auch Vertreter von Kameradschaften und aus der Neonazi-Szene auf der Rednerliste. Teile der Partei drängen allerdings darauf, den Pakt mit der DVU zu kippen, demzufolge in Thüringen die NPD nicht zu den nächsten Landtagswahlen antritt.